Der Campingplatz Himmelreich

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Wassersport auf unseren zahlreichen Gewässern. Zunächst waren es bürgerliche Sportclubs die mit Segel- und Ruderboten ihrer Freizeitbeschäftigung nachkamen. Mit der Entwicklung des Paddelsports gab es aber auch für Arbeitersportler die Gelegenheit sich zu betätigen. Unsere Wentorfinsel war zu dieser Zeit noch ein stilles Eiland von einem dichten Schilfgürtel umschlossen und nur mit wenigen Landemöglichkeiten.

Mit dem Bau der Eisenbahnlinie in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Potsdam nach Jüterbog über den Petzinsee und die Wentorfinsel, verbunden mit der Errichtung des Bahnhofs Caputh Geltow, entstand für die Berliner und Potsdamer die Möglichkeit, sich zu erholen. Zumeist Arbeiterfamilien zogen am Sonntag mit Kind und Kegel und dem Stullenpaket hinaus ins Grüne. Eingekehrt wurde dort, wo am Gartenhauseingang stand: Familien können Kaffee kochen. Natürlich war dabei an einen ständigen Sommeraufenthalt der Mehrzahl der Erholungssuchenden noch nicht zu denken. Caputh entwickelte sich dabei allmählich von einem Ort der Forst- und Ziegeleiarbeiter, der Schiffer und Obstbauern zu einem Erholungsort.

Nach dem ersten Weltkrieg tauchten hier und dort die ersten Zelte auf, die von überheblichen Villenbesitzern als Hundehütten bezeichnet wurden. Von Komfort konnte man wahrlich nicht sprechen, trotzdem fühlten sich die stolzen Besitzer eines Zeltes sehr wohl. Meistens nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet und einer Decke zum Lagern fuhren die Ruderer und Paddler abends wieder nach Hause.

Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise und dem immer größer werdenden Heer von Arbeitslosen begann auch die verstärkte Besiedlung von Wentorf. Vor allem Arbeitslose aus Nowawes und Berlin bauten sich Leinwandvillen aus billigem Nesselstoff, Latten und Schilfmatten. Ihre Wohnungen in der Stadt vermieteten sie oft, um ihre Arbeitslosenunterstützung aufzubessern. Um die kargen Mahlzeiten zu bereichern, wurden Plötzen, Bleie oder Aale geangelt, im Herbst Beeren und Pilze gesammelt.

In dieser Zeit ist wahrscheinlich auch der Name Himmelreich entstanden. Auf Fotografien aus dieser Zeit wird erstmalig Himmelreich auf Caputh vermerkt.

Das Himmelreich war damals überwiegend an der Nordostecke besiedelt. Hier hatte der Bootsbauer Scheffler eine kleine Werft mit Bootsschuppen (später Bootswerft Lachmann). Er war somit der erste polizeilich gemeldete Bewohner. Für Trinkwasser sorgte eine Pumpe auf dem Hof. Meister Scheffler und seine Frau hatten auch einen kleinen Getränkeverkauf, meist Flaschenbier. Ein paar Stühle und Tische und der gemütliche Stammtisch lud zum Verweilen ein.

Die Zelter hatten auch einen Bürgermeister Onkel Dietrich, der mit seinen Ratsherren für Ordnung und Sicherheit sorgte.

Ab 1930 wurde es mit dem Bau des Bootshauses Webert lebendiger. Zudem gehörte auch eine kleine Bootswerft. Mit später eingerichtetem Getränkeverkauf und die Möglichkeit der Trinkwasserentnahme an der Pumpe regte mehr Zelter an, ihr Sommerquartier aufzuschlagen.

Der zweite Weltkrieg legte auch seinen Schatten über Himmelreich. Volkssturmleute gruben in den letzten Tagen kreuz und quer Schützengräben aus und sollten Wentorf wie eine Festung verteidigen. Durch den schnellen Vormarsch der sowjetischen Truppen kam es zu einer fast kampflosen Kapitulation von Caputh und Himmelreich blieb verschont.

Erst allmählich kehrte wieder Leben ein, nach und nach füllte sich der Zeltplatz wieder. Da viele Sportboote zerstört waren, kamen viele Zelter per pedes oder mit dem Fahrrad. Zum Einkaufen ging es anfangs nach Caputh, später kam dann ein Versorgungsschiff, das alles Zeltplätze mit den notwendigsten Lebensmitteln versorgte. Später wurde eine Versorgungswagen aufgestellt bis schließlich eine feste Verkaufstelle auf dem Platz gebaut wurde. Die ersten hygienischen Errungenschaften waren transportable Toiletten, scherzhaft Sänftenklos genannt. Später wurden dann neue Toiletten gebaut.

Die Wentorf-Insel gehörte damals noch zur Gemeinde Geltow. Durch Strukturveränderungen kam es 1965 zur Angliederung an Caputh.

1962 kam es zur Auflösung eines Zeltplatzes im Grenzgebiet Königswald, am Westufer des Jungfernsees. Die dortigen Dauerzelter wurden Himmelreicher.

Bis die Nutzung des Zeltplatzes immer umfangreicher wurde, war Andreas Schlegel Bürgermeister im Himmelreich. Die erste hauptamtliche Zeltplatzleiterin wurde Hildegard Ziegler, unterstützt durch einen Campingbeirat.

Gemeinsam setzten sich haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter für die stetige Entwicklung und Ausgestaltung des Platzes ein. Wesentliche Neueinrichtungen waren eine HO Versorgungseinrichtung 1974, der Bau von Waschräumen 1979, die Errichtung eines Mehrzweckgebäudes mit Rezeption, Bibliothek, Kulturraum und Sanitätsstelle1980, die Erweiterung der Toilettenanlagen und eines Kiosk für Imbissversorgung. 1989 wurde ein Anbau mit Warmwasserversorgung mit je einem Raum für Textilreinigung und Speisenzubereitung geschaffen. 1983 und 1986 wurde der Straßen gebaut, ein Kinderspielplatz folgte. 1988 errichtete man eine neue Steganlage und vier Brunnenanlagen. Ein Zeltplatzkino bestand seit 1970.

Auch kulturell hatte der Campingplatz schon immer viel zu bieten. Von der Mundharmonika bis zur Disko, vom Lichtbildvortrag bis zum Filmpalast könnte man die breite Palette beschreiben. Abends wurde gesungen mit oder ohne Mundharmonika oder Mandolinenbegleitung. Anfang der 70er Jahre wurde eine kleine Tanzfläche mit einem Musikpavillon errichtet. Dort wurden dann Kinder- und Campingplatzfeste veranstaltet. Die musikalischer Umrahmung bot die Kapelle Grunert, die später durch Discomusik verdrängt wurde. Anfang der 80er Jahre erhielt der Campingplatz eine umfangreiche Bibliothek und es gab sehr schöne Lichtbildvorträge über die Natur der Umgebung. Eine tolle Abwechslung bot das Kino, das erst unter freiem Himmel auf Campingstühlen, später im Filmpalast mit abwechslungsreichen Programm für Groß und Klein abgehalten wurde.

Die sportliche Betätigung kam auch nie zu kurz. Abgesehen vom Angelsport wurde Gymnastik betrieben oder Faustball gespielt. Besonderer Beliebtheit erfreuten die Wanderungen mit Willi Aftring.

Besondere Höhepunkte waren die Feste anlässlich des goldenen Himmelreich Jubiläums im August 1979 mit einer Buchlesung, einem eigenen Programm der Camper, dem Himmelreichkabarett Engel und Bengel, Modenschau, Turnerriege und anschließendem vergnüglichen Tanzabend und dem 60-jährigen Bestehen 1989.

Quelle: Chronik des Zeltplatzes D132 Himmelreich Caputh, Kreis Potsdam Land von Hans Georg Spory, Caputh, 1989